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Besuch beim Ötzi

(vd) Als Höhepunkt der Saison stand dieses Jahr für mehrere Fahrer aus Hildesheim der Ötztaler Radmarathon auf dem Programm. Außer mir sind noch Markus Krebsbach und Thomas Mai am Donnerstagmorgen um 4:00 Uhr nach Sölden in Tirol aufgebrochen.171.jpg

Nach  etwa acht Stunden problemloser Autofahrt waren wir schließlich da und haben erst einmal unsere sehr schöne Ferienwohnung bezogen und den Kühlschrank gefüllt.
Das Wetter war traumhaft, gut 20°C, blauer Himmel, leichter Wind
Da juckte es schon in den Beinen, und der erste Pass, das Timmelsjoch mit knapp 1300 Höhenmetern plus 200 musste erkundet werden. Markus und Thomas sind schon in den ersten Kehren entschwunden, und ich lernte die Grenzen meiner Kraft schnell kennen. Nach 1 1/2 Stunden Kletterei lag dann die Passhöhe mit der Grenze nach Italien vor uns. Mit der klassischen Zeitung unter dem Trikot stürzten wir  uns in die rasante Abfahrt mit Geschwindigkeitsspitzen von bis über 90 km/h (Thomas, ich war viel vorsichtiger) wieder nach Sölden.
Der nächste Tag lockte wieder mit bestem Wetter, und wir brachen auf, um den ersten Pass des Marathons, den Kühtai abzufahren. Eine wunderschöne, schmale Straße mit wenig Verkehr. Hier sahen wir uns aber mit Steigungen bis 18% konfrontiert, die die Kraft in kürzester Zeit aus den Beinen saugten. Mit dem üblichen Zeitabstand von 10 Minuten war ich hinter Markus und Thomas auf der Passhöhe, nach einer kleinen Pause an der Dortmunder Hütte machten wir uns an die Abfahrt. Auf der Rückfahrt nach Sölden merkten wir erst richtig, wie anstrengend die Fahrt war, vor allem Markus hatte mit Problemen und sauren Beinen zu kämpfen.
Der nächste Tag war der Ruhe gewidmet, nach den gemachten Erfahrungen musste noch einiges an der Übersetzung geändert werden. Zwei Freunde, Michael und Ralf reisten an und zogen mit in unsere Wohnung. Zudem änderte sich das Wetter dramatisch, nach dem Sonnenschein der Vortage wurden wir am Vormittag mit Regen begrüßt, mittags gab es Hagel und nachmittags Regen mit Schnee, die Bergspitzen wurden weiß. Abends klarte es glücklicherweise wieder auf.
Am Tag des Rennens klingelte der Wecker schon mitten in der Nacht, Kohlenhydrate mussten gebunkert und der Kreislauf in Schwung gebracht werden. In der Dunkelheit standen wir mit 4500 Gleichgesinnten bei unter 5°C dick eingepackt im Starterblock und konnten einen klaren Sternenhimmel  bewunden. In der Morgendämmerung ging es los, 30 km leicht bergab, bis dann der erste Pass, der Kühtai auf uns wartete. Dort gab es die erste Pause zum Ausziehen. In der Auffahrt fuhren wir zunächst dichtgedrängt, ehe sich nach einigen hundert Höhenmetern die Streu (ich) vom Weizen (Markus und Thomas) trennte.
Auf der Passhöhe lag neben der Straße noch Schnee, die Abfahrt ist mörderisch steil und extrem schnell, oder wäre es, wenn man nicht wie ich ständig bremst bis die Felgen glühen.
Im Tal wurde es wärmer, und wir durchquerten auf abgesperrten Spuren Innsbruck, um den Aufstieg auf den Brenner hinter uns zu bringen. Nennenswerte Steigungen gibt es hier nur zu Anfang und am Ende, also war das Fahren in der richtigen Gruppe wichtig.
Die Abfahrt ist leicht, mit weit geschwungenen Kurven.
Nach Sterzing kam die dritte Prüfung, der Jaufenpass. Mit 1130 m auf 15,5 km ist er im Schnitt der steilste Pass auf der Runde, kein Flachstück bringt Erleichterung. Unterwegs überholte mich Axel Mispagel, der wegen eines Defektes warten musste.
Hier kam bald die Ernüchterung, die Kraft ließ nach, und mein Tempo hätte auch ein engagierter Fußgänger einschlagen können. Aber schließlich war auch die Passhöhe erreicht, und eine kurvenreiche Abfahrt wartete.
Auf der anderen Seite, in St. Leonhard im Passeiertal wartete brütende Hitze bei stehender Luft auf uns. Der letzte Pass, das Timmelsjoch drohte  mit 29,7 km Anstieg und über 1700 Höhenmetern den geschwächten Beinen.
Die Steigung verläuft erst durch dichten Wald, die Kehren liegen weit auseinander. Nur langsam wird es kühler, die letzte, hochwillkommene  Labestation liegt an einem kurzen Flachstück. Dahinter wartet ein gigantischer Steilhang, an den irgendjemand im Zickzack eine Straße gemalt hat. Dann naht die Erkenntnis: da muss ich auch noch rauf! Der Höhenmesser verrät mir, dass  immer noch 750 Höhenmeter vor mir liegen.
Aber auch hier tragen mich meine müden Beine weiter, während immer mehr Fahrer kurz absteigen oder sogar schieben.
Endlich sind die Tunnel am Pass erreicht, die Steigung lässt nach, und nach 29,7 km Steigung ist die Passhöhe erreicht. Danach wartet eine sehr schnelle Abfahrt, garniert mit einer Radarkontrolle, aber auch mit einem Gegenanstieg von knapp 200 Höhenmetern. Erst dann ist die Anstrengung zu Ende, und ich rolle mit dem Bewusstsein, es geschafft zu haben, zu Tal.
Zum Schluss habe ich es noch auf eine Zeit von unter 12 Stunden gebracht, und bin hochzufrieden.156.jpg
Markus und Thomas sind schon vor über zwei Stunden eingelaufen, die anderen Genossen sind noch hinter mir, einen wird der Besenwagen bringen.
Alles tut weh, Treppen müssten wirklich nicht mehr sein, aber trotzdem ist es ein wunderbares Gefühl.
Komme ich wieder? Fragt mich morgen nochmal. Mit besserer Einteilung der Reserven, wäre da nicht eine Zeit unter 11 Stunden möglich gewesen? Mal sehen..
 
Euer
Volker Degenhardt
Letzte Änderung amMittwoch, 07 Januar 2015 23:20
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