Anna reiht sich in die Weltspitze ein

  • geschrieben von  ak

Die Radrennfahrerin Ann-Leonie Wiechmann vom RSC Hildesheim glänzt bei der Bahn-WM in Glasgow. Nebenbei erfährt sie viel  über Schotten, Schlangen, Scratch und sich selber.

HAZ vom 14.08.2013

Noch immer glänzen ihre rehbraunen Augen, wenn sie an ihren Auftritt bei der Junioren-Weltmeisterschaft im Punktefahren denkt. Da schnappte sich die Hildesheimer Radrennfahrerin Ann-Leonie Wiechmann auf der Bahn im schottischen Glasgow den sechsten Platz. „Für mich persönlich war das der bisher größte Erfolg“, erinnert sich die 18-Jährige vom RSC Hildesheim gern daran, dass vor Stolz auch ein paar Tränchen kullerten.

Schon, als sie vom Bund Deutscher Radfahrer (BDR) für die Bahn-WM nominiert worden war, hatte die RBG-Schülerin vor Freude geweint. Nun stand sie als einzige Deutsche am Start des Finales auf der 250-Meter-Holzbahn – und war mächtig aufgeregt, zumal auch Mama Marion und Papa Jörg Wiechmann unter den Zuschauern in der großen Halle waren.

Das Punktefahren ging über 80 Runden, alle zehn Runden wurden für die ersten vier Plätze fünf, drei, zwei und ein Punkt vergeben. Ann-Leonie Wiechmann erwischte einen guten Start und hielt vorn im Feld mit. Bei der zweiten Wertung holte sie als Dritte zwei Zähler. Dann fuhren fünf Juniorinnen dem Feld davon.

Mit dabei „Anna“, wie sie von allen nur gerufen wird. Die Ausreißer überrundeten das Feld, kassierten dafür 20 Extrapunkte und sortierten sich an dessen Ende wieder ein. „Immer wieder wurden  Angriffe gefahren, ich bin immer wieder mitgekommen und habe die Löcher zugefahren“,schildert die Hildesheimerin das Rennen. Zum Schluss reihte sie sich mit 22 Punkten als Sechste in die Weltspitze ein. „Damit waren alle zufrieden, einschließlich der BDR-Trainer“, grinst sie. Zuvor war die 18-Jährige ebenfalls als einzige Deutsche beim Scratch dabei, einem Rennen über 30 Runden, bei dem sofort voll Attacke gefahren wird.

Gleich vom Start weg machte Anna Dampf: „Es lief ganz okay. Die spätere Siegerin, Jessica Parra aus Kolumbien, holte eine Runde Vorsprung aufs Feld heraus. Nichts außergewöhnliches auf der Bahn, es sind ja nur 250 Meter.“ Ann-Leonie Wiechmann hielt im Feld mit und wurde im Schlusssprint Elfte, womit sie nicht besonders glücklich war: „Ich hatte mir mehr erhofft, denn ich hatte beim Einlauf das Gefühl, weiter vorn zu liegen. “Die Hildesheimerin fuhr diese beiden Einzelrennen, weil sich Bundestrainer Jens Messerschmidt „aus dem Bauch heraus“ gegen ihren Start in der Vierer-Mannschaftsverfolgung entschieden hatte.

Da landete das BDR-Team letztlich auf Rang fünf und damit einen Platz besser als ursprünglich angepeilt worden war.

Eine Woche lang hatte sich die deutsche Mannschaft vor Ort auf die Wettkämpfe vorbereitet. Der Ablauf war fast täglich der gleiche. Nach dem gemeinsamen Frühstück hatte jede Nation feste Trainingszeiten auf der WM-Bahn, die 2012 die Paralympics gesehen hatte. „Eine schöne Bahn, alles neu, einschließlich der Halle“, berichtet Anna.
Die anderen Nationen trudelten nach und nach ein. Im selben Hotel waren auch noch die Pedaleure aus Polen, Mexiko, Neuseeland und den USA untergebracht. Die europäischen Kollegen kennen sich gut.
Innerhalb des deutschen Teams herrschte eine familiäre Atmosphäre, aber die anderen Länder wurden schon als Konkurrenz angesehen. Einzig beim Abschlussabend hockten alle zusammen. „Auch wenn wir Sportler sind, feiern wir ja doch nicht anders als normale Leute“ ,deutet die Hildesheimerin an, dass es dabei schon hoch her ging.

Zwischendurch hatte sie sich auch die Stadt angesehen, vergleicht sie gern mit  Hamburg: „Glasgow ist sehr schön, mit einer weitläufigen Innenstadt.“ Natürlich stand auch Shoppen auf dem Programm der jungen Dame: „Ich hatte noch drei Kilogramm frei und Platz im Koffer. Das Angebot an Klamotten ist ganz anders als hier, passend zur lokalen Skinhead-Szene.“ Sie weiß jetzt auch, woher der Ausdruck „Das war nicht die feine englische Art“ kommt: „Schotten sind sehr freundlich und höflich. Die suchen auch richtig die Möglichkeit, sich irgendwo in eine Schlange zu stellen. In Deutschland würde keiner auf den Trichter kommen.“

 Als der erste Wettkampf näher kam, wuchs allerdings die Anpannung. Wie üblich, ruhte sich die Radsportlerin an den letzten beiden Tagen nur noch aus. Am Vortag gab es noch eine Vorbelastung: „Da bin ich 3000 Meter volle Pulle gefahren.“ Als das Scratch-Rennen anstand, wunderte sie sich über sich selber: „Da dachte ich, mega-aufgeregt zu sein. Aber das war ich gar nicht, sondern total locker. So, als ob ich daheim die Sommerbahnserie und nicht bei einer WM fahren

 

würde. Das war wirklich verrückt.“ Eigentlich werde sie nämlich vor internationalen Starts sehr emotional und müsse schnell weinen: „So ist das bei mir. Andere werden still oder aggressiv, ich dagegen habe dicht am Wasser gebaut.“ Beim Punktefahren war es dann wieder so. Für Ann-Leonie Wiechmann geht die Saison langsam dem Ende entgegen.
Mit  dem Bad Salzdetfurther Stevens 1A Road Team stehen noch zwei Wettkämpfe in der Juniorinnen-Bundesliga an, wo die Mannschaft derzeit Vierter ist. Nächste Saison startet die 18-Jährige in der Frauenklasse. Da steht schon im Winter die Bahn-DM an, also wird ihre Pause kürzer  als in den vergangenen Jahren.
Vier Wochen sind nötig zur Regeneration. Doch auf die faule Haut legen, liegt nicht drin: „Man muss ein bisschen Laufen, um das Herz-Kreislauf-System in Gang zu halten.“ Und sie kann den Gedanken nachhängen – an ihren bisher größten Erfolg

 

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