RSC Hildesheim - Nauders-Livigno-Nauders >Eine Woche im Hochgebirge
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Samstag, 10. Juli 2010

(kp) Nach unserer Alpentour 2009 war Hartmut und mir sofort klar: 2010 geht es wieder in die Alpen. Diesmal wollten wir die Tour 2010 selbst organisieren und mit MTB-Freunden aus Hildesheim fahren. Schnell waren wir 15 Radler, allerdings auch 15 Meinungen.

Nach einiger Zeit haben wir (Hartmut, Gustl und ich) uns entschlossen, die Planung doch lieber wieder ULPtours zu überlassen. Wir haben vorgeschlagen, wo wir was wollen und Ulli, der Chef von ULPtours hat uns dann eine super Strecke ausgearbeitet und alles weitere organisiert. 

So ging es von Nauders über St. Maria (Münstertal) nach Livigno und zurück. Wir waren acht Radler aus unserer Mittwochsgruppe, Stefan B., Stefan K., Gustl, Hartmut, Heiko, Martin, Axel und ich.

Am 12. Juni ging es mit den Pkws los. Unterwegs haben wir in einer Fleischerei, die Hartmut kannte, lecker zu Mittag gegessen. Gegen 18.00 Uhr sind wir dann in Nauders (Österreich) angekommen und wurden schon von unserem Guide erwartet. Jan war uns sofort sympathisch, er hatte eine sehr freundliche und offene Art.

 

Am ersten Tag ging es gleich 500 Höhenmeter über den Reschenpass. Der Pass überquert den Alpenhauptkamm und verbindet den Vinschgau (Südtirol, Italien) mit Tirol (Österreich). Von hier ging es zum Plamort, eine ordentliche Portion Geschichte. Mitten auf der Moorfläche erinnern und die Panzersperren an den Wahnsinn des Ersten Weltkrieges. plamort.jpgDie Linie sollte die Grenzregionen zu Frankreich, der Schweiz, Jugoslawien und Österreich beziehungsweise dem Deutschen Reich sichern. Nach einem Berg kommt auch die Abfahrt, ein Trail, der unsere ganze Konzentration forderte, Wurzeln und Felsenstufen belasteten uns und das Material. Eine wahre Adrenalinspritze. Ein Sturz war die Folge, erst ein Schreck, dann die Entspannung: Heiko ging es gut, er war nur leicht geschockt. Nach einer kurzen Pause, es war auch zwischenzeitlich ein Wolkenbruch auf uns niedergegangen, ging es weiter zum Reschensee. Zeit zum Verschnaufen hatten wir erst wieder auf dem Radweg. Am Reschenpass gab es bis zur Seestauung 1950 drei Seen: Den Reschensee, den Mittleres und den Haidersee. Bei der Seestauung wurde das gesamte Dorf Graun und ein Großteil des Dorfes Reschen in den Fluten des Stausees versenkt. 163 Häuser wurden zerstört und 523 Hektar an fruchtbarem Kulturboden überflutet. Heute zeugt nur noch der aus dem Reschensee ragende Kirchturm vom versunkenen Alt-Graun. reschensee.jpgAuf dem Etschtal-Radweg fuhren wir Richtung Glurns. Wir mussten uns in einem kleinen Ort unterstellen, da es kleine Hunde regnete. In Glurns angekommen, haben wir dann im Hotel zur Post zu Mittag gegessen. Das Essen war nicht nur gut, sondern auch in gefühlten 60 sec serviert, obwohl das Restaurant sehr voll war.

Nach der Mittagspause ging es dann an einem Bach entlang 600 Höhenmeter hoch nach Santa Maria Val Müstair. 800px-santa_maria_val_muestair.jpgDer Ort liegt an der Kreuzung der Passstraßen über den Ofenpass und den Umbrailpass und grenzt an Südtirol. Der Ortskern von Sta. Maria liegt auf 1'375 m ü. M.. Hier waren wir in einem schönen kleinen Hotel untergebracht. Unsere Sachen konnten wir in einem Raum trocknen, der einer Dogge als Nachtquartier diente, unsere Sachen waren also sicher. Angst vor dem Hund brauchten wir auch nicht haben, da er nach Aussage vom Herrchen, Vegetarier war! Der schöne Tag wurde durch das erste WM-Spiel der Nationalmannschaft komplettiert.


Am zweiten Tag ging es weiter nach Livigno. Wir kletterten auf 2230 Meter in das Val Mora an den Lago di Fraele. Umgeben von 3000ern mussten wir über Schneefelder gehen und das MTB auf dem Rucksack tragen. Auf der Alp Mora haben wir uns dann mit Wurst, Käse und Bauernbrot (hatten wir alles in St. Maria gekauft) gestärkt.
jause.jpgNachdem wir einen Regenguss abgewartet haben, ging es weiter Richtung Livigno. Wir wurden mit insgesamt 20 km Singletrail vom Feinsten belohnt. Jan, der ein perfekter MTBler (Uphill und Downhill) war, hat uns aufgefordert, den Sattel bis zum Anschlag runterzuschrauben und Downhill komplett im Stehen zu fahren, damit der Schwerpunkt des Rades so tief wie möglich liegt.  Am Ende eines solchen Trails haben wir unsere Sättel wieder hochgestellt, ich habe das Hinterrad zwischen die Beine genommen und mir dabei die Wade an der Schei...heisen Bremsscheibe verbrannt. Bei einer Bachdurchfahrt hat es dann Stefan das Schaltwerk zerlegt und hier zeigte dann Jan das er nicht nur ein guter Guide und MTBler ist, sondern auch ein Radmechaniker per exellanc war (ist auch sein Hauptberuf, nach zehn Jahren Bundeswehr), er hatte ruck zuck das Problem behoben. Ich habe im Laufe der Tour noch viel von ihm gelernt. Livigno liegt auf einer Höhe von 1.816 m ü. M in den Livigno-Alpen und ist zollfreie Zone und ein beliebter Wintersportort. livigno.jpgEs liegt am Fluss Spöl (früher Aqua Granda), der in den an der Südspitze angrenzenden Lago di Livigno fließt und später im Engadin in den Inn und damit in die Donau mündet. Das Tal liegt also nördlich der Wasserscheide der Alpen.

 

Am dritten Tag sollte es dann hoch auf den Bernina Pass und dann den Bernina Trail 1100 Hm hinunter, immer an der Bernina Bahn entlang, gehen. Aber nach drei Kilometern hatte Hartmuts MTB einen kapitalen Schaden, den auch Jan nicht mal so eben beheben konnte, es war eine Schraube von der Hinterbauschwinge ausgerissen. So entschieden wir uns, da wir ja hier in Livigno drei Nächte blieben, die Tour auf den nächsten Tag zu verschieben. Ich fuhr mit Hartmut in eine Radwerkstatt, die das Rad nach zwei Stunden wieder flott hatte. Da der Mechaniker kein original Ersatzteil hatte, hat  er das Problem typisch italienisch geregelt, das Rad hat alle weiteren Strapazen ausgehalten. Der Radladen war eine Cannondale-Vertretung!!!!!!! Ich hätte Stundenlang hier bleiben und träumen können!!!
Da die Reparatur ca. 2 Std. dauern sollte, ist Hartmut wieder zum Hotel gegangen. Ich habe mich mit den Anderen getroffen. Die waren zum Bike-Park gefahren. Es ging 600 Hm mit dem Lift zum Startpunkt der verschiedenen Abfahrten, die in vier verschiedene Schwierigkeitsgrade eingeteilt waren. Da es leicht Regnete, waren zwei dieser Trail-Abfahrten gesperrt. Hier lernten wir dann von Jan (ein perfekter MTB-Lehrer) wie wir uns und unserem MTB alles abverlangen können: Drops, Anlieger, Sprünge, Abfahrten mit mehr als 50° und und und! Wir sind Dreimal wieder hochgefahren und wurden immer sicherer. Nachdem wir das erste Mal wieder unten waren, kam auch Hartmut zu uns. "Bike-Park ist blöd, aber da ihr ja schon für mich mitbezahl habt, komme ich mal mit" sagte er. Nach der ersten Runde (für uns war es die zweite) konnte er nicht genug bekommen!!!! Wir waren alle der Meinung,das dies der geilste Vormittag war, den wir je mit dem MTB erlebt haben, obwohl es den ganzen Tag leicht regnete und wir völlig verschlammt waren.
dreckiges_mtb.jpgDas abduschen der Bikes und von uns hat dann auch Spaß gemacht.

Zum Mittag gab es wieder Käse, Wurst und Brot und es wurde über den Vormittag diskutiert. Am Nachmittag sind wir dann noch eine kleine 400 Hm Runde gefahren. Am Abend ist dann noch ein weitere Guide zu uns gestoßen, der mehrere Tage eine Tour abradelt und auch über St. Maria nach Nauders wollte, so hat er sich uns angeschlossen. Übernachtet hatte er die letzten Tage in einer Hängematte in irgendwelchen Hütten und Heuschobern.  Holger war ein absoluter Sonnyboy und gehörte sofort zu unserer „Truppe“.

 

Am dritten Tag ging es dann auf den Passo del Bernina. Mit einer Scheitelhöhe von 2'328 m verbindet er das Engadin im Norden mit dem Puschlav und dem italienischen Veltlin im Süden. Von hier fuhren wir mit dem Bernina-Express zur Alp Grüm um dann den Bernina Trail, immer entlang der Bahn hinabzufahren. Ein durch Felsen und Wurzeln verblockter Trail der uns technisch alles abverlangte. bernina_trail.jpgOhne dem Training vom Vortag hätten wir einige Teile des Trails geschoben. Wir sind alle den kompletten Trail gefahren ohne Sturz und ohne Defekt. An besonders technischen Stellen hat uns Jan wieder gute Tipps gegeben. Es war einfach suuuuuuper!!!!! Über eine Stunde Trailabfahrt!!!  Nach dem Essen im Tal, sind wir dann eine Stunde mit dem Bernina Express wieder nach oben gefahren. Der schmalspurige Bernina-Express verkehrt zwischen Chur im schweizerischen Rheintal vorbei an St. Moritz im Engadin nach Tirano im italienischen Veltlin und ist der einzige Zug, der die Alpen offen überquert. bernina_express.jpgAuf 2.253m ü.M. erreicht er in der Station Ospizio Bernina die höchstgelegene Bahnstation Europas. Auf vielen Streckenkilometern beträgt die Steigung bis zu 7% - ein Superlativ. Modernste, fast rundum verglaste Panoramawagen lassen die Reise im Bernina-Express zum unvergesslichen Erlebnis werden. Leider hatte es wieder angefangen zu Regnen und so sind wir mit Regenklamotten bekleidet vom Ospizio Bernina nach Levigno zurückgeradelt.

 

Am Donnerstag ging es dann wieder Richtung St. Maria. Das Wetter zeigte sich von der besseren Seite. Über schöne Trails ging es bergauf auf 2250 Meter, nationalpark.jpgmit einer tollen Aussicht, allerdings sahen wir auch schon wieder die Regenwolken. Über Wiesen und Trails ging es hinunter auf 1450 Meter. An einer Kapelle am Fuße des Umbrailpasses machten wir Mittagspause, wie schon an den Vortagen hatten wir Käse, Wurst und Bauernbrot eingekauft. Es war richtig toll, allerdings es fing mal wieder an zu regnen! Gestärkt ging es dann weiter, hinauf zum Umbrailpaß. Er liegt auf einer Höhe von 2'501 m ü. M und ist damit der höchste Straßenpass der Schweiz. Der Umbrailpass liegt unmittelbar an der Grenze zu Italien und verbindet das Val Müstair (Münstertal) bei Santa Maria, Kanton Graubünden mit dem Addatal bei Bormio. Die Autos, die uns entgegenkamen, hatten Neuschnee auf den Dächern! Es kamen auch viel Radrennfahrer hinunter, völlig erfroren!!! Wir hatten ja unsere Rucksäcke und so Regenjacke, Windjacke, Windweste, trockene Trikots usw. mit. Nach ca 3,5 Std. Auffahrt im Regen hatten wir es geschafft, bei 3° Temp. und Schneeregen haben wir uns alles angezogen was wir dabei hatten, schnell noch einen Riegel und ein Gel reingeschoben, dann ging es wieder bergab, auf 1375 Meter runter, nach St. Maria. Einmal haben wir angehalten, weil wir die Finger anwärmen mussten, damit das Bremsen klappt. In St. Maria angekommen ging es ohne Umwege unter die Dusche!!! Danach habe ich einen Café Corretto getrunken (Übersetzt bedeutet dieses Heißgetränk: "korrigierter Kaffee", ich habe ihn mit Grappa korrigieren lassen!!!). Unsere Sachen haben wir dann wieder bei der Dogge getrocknet.

 

Am letzten Tag sind wir dann hinauf auf den Passo Costinas und durch den Schweizer Nationalpark nach Scoul geradelt.. Schneefelder, Trails und Almen wechselten sich ab. scoul.jpgScuol ist Hauptort des Unterengadins. Die Hauptsprache ist, wie im ganzen Unterengadin, rätoromanisch, man spricht aber auch Schweizerdeutsch. Hier haben wir in einem Nobelhotel zu Mittag gespeist. Wir sahen aus wie die Schlammdackel und haben vermutlich auch so gerochen. Auf die Frage, ob wir so „reindürfen“, bekamen wir die Antwort: „Die Stühle lassen sich doch abwischen“!! Eine nette Erfahrung., eine nette Bedienung!

Weiter ging es ins Inntal vorbei an Sur En auf dem bekannten Skulpturenweg. Hier sind zurzeit ca. 100 Skulpturen aus Holz, Laaser Marmor und Eisen zu besichtigen. An das Dorf grenzt das Val d'Uina (Uina-Schlucht), durch welches man über die Sesvennahütte nach Schlinig ins Vinschgau (Italien) kommt. In Sclamischot sind wir abgebogen. Erst ging es über eine „Waldautobahn“ und durch einen Tunnel hinauf, der Weg endet an einem Holzlaster-Wendeplatz. Von nun an ging es weiter auf einem Singletrail, teilweise mussten wir schieben, teilweise ging er über Holzplanken von Italien nach Österreich in ein Hochmoor-Gebiet. In mitten dieses Hochmoores liegt der Schwarzsee. Nach einer kurzen Pause ging es über Schotter, herrlichem Singletrail und Wiesenpfaden hinunter nach Nauders, dem Endpunkt unserer Hochgebirgsrundreise.

wir_alle.jpg

v.l. Holger (Guide), Axel, Martin, Jan (Guide), Heiko, Gustl, Hartmut, Klemens, Stefan B., Stefan K.

Wie war das Wetter wurden wir des öfteren gefragt: Was spielt das Wetter für eine Rolle wenn man ein gutes Bike, einen Rucksack und eine Gruppe mit Freunden hat, um Glückgefühle freizusetzen.

Nach der Alpentour ist vor der Alpentour!! Ideen haben wir schon viele!

 Klemens Pietsch

 
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